Die Abgelehnten (#15): Vergabekriterien aller Kölner Gymnasien EXKLUSIV | Ablauf 25 | Offene Fragen

Karneval naht, Ostern naht, Schulplatzvergabe naht. Während die frischen Halbjahreszeugnisse vom vergangenen Freitag in dieser Woche dazu dienten, Viertklässlerinnen und Viertklässler bei den Gesamtschulen anzumelden (und bei den beiden neu geschaffenen Gymnasien „Neustadt-Nord“ und Deutz/Brügelmannstraße), läuft vom 24.2. bis zum 7.3. das Rennen um alle anderen weiterführenden Schulplätze in der Stadt. Freitag nach Aschermittwoch ist dann auch bei diesem Hauptanmeldeverfahren alles vorbei. In der Woche danach will die Stadt auswerten, entscheiden, verteilen und schließlich am 13.3. Zu- und Absagen versenden. Mitte März, so der Plan, wissen die meisten Kinder dann, wohin der weitere Bildungsweg sie führt.

Klingt straff, klingt gut, klingt offen gestanden aber auch fast zu schön, um wahr zu sein. Tatsächlich ist das Anmeldeverfahren nach allem, was wir wissen, denn auch nicht nach der ersten Runde vorbei. Denn wie in allen Jahren zuvor wird es auch 2025 Kinder geben, die bei der Platzvergabe leer ausgehen, weil sie bei einer Verlosung den Kürzeren ziehen. Prognosen dazu, wie viele Kinder das dieses Mal sein werden, sind schwer. Klar ist: Schulplätze sind und bleiben jedenfalls in einigen Stadtbezirken weiterhin knapp; trotz der beiden neuen Gymnasien und einer zusätzlichen Gesamtschule (startet mit dem Gymnasium in der Brügelmannstraße und zieht frühestens in drei Jahren ins frühere Odysseum nach Kalk).

Klar ist auch: Für jene, die nach der Bewerbung rund um die tollen Tage leer ausgehen, beginnt in den Folgewochen eine Zitterpartie. Der weitere Zeitplan sieht für sie dann so aus: Vom 17. bis 28.3. werden sie sich in einer zweiten Bewerbungsrunde um die dann noch freien Plätze bemühen müssen. Die Auswertung folgt in der Woche drauf. Und weil auch das kaum reichen wird, um allen einen Platz zu vermitteln, hat die Stadt sogar noch eine dritte Runde eingeplant, vom 7.-11. April. Entscheidungen und Bescheide kommen laut offiziellem Zeitplan in der Woche drauf. Der Blick auf den Kalender verrät: Es ist die Karwoche. Die Platzvergabe überspannt also die komplette Fastenzeit und reicht unter Umständen bis in die Osterferien.

Umstände – das lässt sich übersetzen mit: Lospech. Denn auch in diesem Jahr wird es an den weiterführenden Schulen eng, so dass damit zu rechnen/zu befürchten ist, dass an mehreren Schulen deutlich mehr Anmeldungen eingehen als Plätze verfügbar sind. Es ist extrem schwer vorherzusagen, wo sich die meisten Anmeldebögen stapeln werden und wie hoch die Übernachfrage an einzelnen Schulen ist. Klar ist nur: Weil es stadtweit kaum einen Platz mehr gibt als Kinder, die einen Platz brauchen, wäre es schon rein statistisch gesehen in Wunder, wenn die Sache ohne große Ablehnungen durch die erste Runde ginge.

In diesem Jahr kommen ein paar Faktoren hinzu, die die Nachfrage beeinflussen werden:

  • Erstens wird kein sogenannter Zweitwunsch mehr abgefragt. Der war zwar ohnehin kein Wunsch war, sondern bloß eine Anmeldebogenzustellhilfe. Trotzdem könnte das psychologisch zu anderen Wahlentscheidungen führen. Denn wer bloß noch eine Stimme abzugeben hat, könnte sich die Sache anders überlegen.
  • Ebenfalls neu in diesem Jahr: Die Stadt hat entscheiden, parallel zur ersten Anmelderunde im dreigliedrigen System, also für die Gymnasien, Real- und Hauptschulen, auch eine zweite Anmelderunde für die Gesamtschulen abzuhalten. Das heißt im Ergebnis: Wer in dieser Woche am vorgezogenen Gesamtschul-Verfahren teilgenommen hat, aber keinen Platz bekommt, steckt über Karneval in einem Dilemma.  Entweder, man bewirbt sich in dieser Phase um einen der Restplätze an Gesamtschulen – oder man schwenkt um auf eine andere Schulform. Denn wer in dieser Phase bei der Gesamtschule bleibt, der kann sich später, falls es dann wieder nicht klappt, bloß noch um Restplätze im dreigliedrigen System bewerben. Die erste Runde ist dort ja dann schon gelaufen.
    In den Vorjahren war das anders: Da hatten die Gesamtschulen die Restplätze nach Abschluss der ersten Bewerbungsrunde freihändig vergeben können, nach dem Prinzip des Windhundrennens, bei dem bedient wurde, wer sich als erster meldete. Eine solche Platzvergabe allerdings hat die Bezirksregierung der Stadt inzwischen untersagt. Die Folge: Es gibt nun auch eine zweite Bewerbungsrunde für die Gesamtschulen. Weil zugleich aber für das gesamte Verfahren nicht mehr Zeit zur Verfügung steht, läuft diese zweite Runde in die erste Runde des Hauptverfahrens. Wie das nun die Wahlentscheidungen der Abgelehnten beeinflusst, ist offen. Denkbar wäre aber, dass einige bei der Schulform umschwenken. Dann wäre die Nachfrage dort größer als in den Vorjahren.  

    Ich halte die Verschränkung des sogenannten vorgezogenen Verfahrens mit dem Hauptverfahren im Übrigen für Unfug. So ist völlig unklar, ob nun in der zweiten Runde die Kinder aus dem Gesamtschulverfahren alternativ ins Hauptverfahren wechseln können und ob die zweite Gesamtschulrunde dann umgekehrt auch für alle andren Kinder geöffnet wird, die in Runde eins noch nicht mitgemacht haben. Auch wie das alles nachgehalten werden soll, ist nicht klar. Und was rauskommt, sowieso nicht. Klar ist nur: Wer doppelt Pech bei der Gesamtschulbewerbung, muss nun danach mit den Resten aus dem dreigliedrigen Verfahren leben, wird also strukturell benachteiligt – obwohl genau das durch das vorgezogene Verfahren verhindert werden soll. Das schafft keine Bildungsgerechtigkeit, sondern reduziert sie. Und bestraft Pechvögel, die in Losverfahren scheitern oder zufällig etwas weiter weg wohnen als die Konkurrenz, noch mal zusätzlich.
  • Die letzte Unbekannte sind die Kinder, die sich in der vierten Klasse zurückstellen lassen, also eine Extrarunde drehen. Das ist als Massenphänomen recht neu, in den Jahren nach der Pandemie hat die Zahl der Kinder, die entweder die 1. Oder die 4. Klasse wiederholen, deutlich zugenommen.  Wie es dieses Jahr aussieht? Offen.

In den vergangenen Jahren hatten sich bei der Anmeldung immer wieder in anderen Stadtbezirken und Veedeln Engpässe ergeben: Mal im Südwesten, mal im Norden, mal im Südosten. Die Schulplatzkrise frisst sich durch die Stadt.

Meine Prognose:

  • Die Lage im Südwesten bleibt voraussichtlich angespannt, weil hier die Kapazität strukturell niedriger ist und bleibt als die Nachfrage. In Sülz etwa fehlten in den vergangenen Jahren stets ein bis zwei Klassen. Ausweichlösungen liegen dort vor allem in der südlichen Innenstadt. Die umliegenden Kommunen bieten für Kinder außerhalb der Ortsgebiete keine Plätze mehr.
  • Im Südosten, vor allem in und um Porz, ist und bleiben Plätze ebenfalls knapp. Die beiden neuen Deutzer Schulen sind von dort aus oftmals weit entfernt und schlecht erreichbar. Die meisten Nachbarkommunen haben die Tore für ortsfremde Kinder geschlossen. Und der Weg nach Rodenkirchen ist überaus mühsam, da öffentlicher Nahverkehr über die Zoobrücke fehlt.

EXKLUSIV:
Die Auswahlkriterien aller Kölner Gymnasien

Für eine informierte Wahlentscheidung zählt auch, nach welchen Kriterien die Gymnasien entscheiden, wen sie aufnehmen, wenn sie mehr Anmeldungen als Plätze haben. Tatsächlich können die Schulen nämlich frei entscheiden, wie sie dabei vorgehen. Maßgeblich sin die Aufnahmeregeln der „Ausbildungs- und Prüfungsordnung Sekundarstufe I“, kurz APO-S I, und zwar ganz genau §1, Absatz 2.

Danach sucht der Schulleiter sich eines oder mehrere der folgenden Kriterien aus: Geschwisterkinder (1), ausgewogenes Verhältnis von Mädchen und Jungen (2), ausgewogenes Verhältnis von Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Herkunftssprache (3), Schulwege (4), Besuch einer Schule in der Nähe der zuletzt besuchten Grundschule (5), Losverfahren (6). Gesamtschulen müssen zudem das Prinzip der sogenannten Leistungsheterogenität beachten, also Kinder mit unterschiedlich guten Noten aufnehmen. Härtefälle sind zudem stets vorrangig zu beachten.

Am Ende entscheidet das Los

Ich habe schon mehrfach ausgeführt, warum dieser Kriterienkatalog zwangsläufig auf eine Verlosung hinausläuft, da nur diese eine eindeutige Rangfolge garantiert. Selbst die Schulweglänge kann manchmal auf eine Verlosung hinauslaufen, wenn sich mehrere Kinder aus einem Haus angemeldet haben, das entfernungsmäßig gerade noch infrage kommt. Denn vor der Weglänge sind alle Kinder mit derselben Adresse gleich.

Bevorzugt aufgenommen werden dagegen ausnahmslos an allen Kölner Schulen Geschwisterkinder. Auch hier ist wichtig genau zu wissen, wer als Geschwisterkind gilt: Es sind ausschließlich solche Kinder, die ein Geschwisterkind haben, das „zum Zeitpunkt der Aufnahmeentscheidung des Schulleiters bereits Schüler*in der Schule ist und voraussichtlich auch im Aufnahmeschuljahr weiterhin sein wird“. Machen Bruder oder Schwester als gerade Abi, ist der Geschwisterbonus weg.

Einen genaueren Blick verdient auch noch das Kriterium „ausgewogenes Verhältnis von Mädchen und Jungen“, das tatsächlich jede zweite Schule beachtet. Diese Schulen sind bestrebt, das Geschlechterverhältnis der Aufnahmen möglichst auszugleichen. Heißt: Bei Anmeldung werden, wenn möglich, genauso viele Mädchen wie Jungen aufgenommen. Praktisch bedeutet das: Gibt es beiden Geschlechtern mehr Anmeldungen als Plätze, dann wird immer abwechselnd aus zwei getrennten Töpfen gelost. Bleiben Plätze frei, dann werden diese auch nach Geschlecht getrennt vergeben. Gibt es bei der Anmeldung einen klaren Mädchen- oder Jungenüberhang, dann allerdings bekommt das andere Geschlecht die freien Plätze.

Umstrittene Geschlechtertrennung

Das Auswahlkriterium ist besonders umstritten: Erstens muss das Geschlecht bei Anmeldung gar nicht angegeben werden. Zweitens können mit den dem Selbstbestimmungsgesetz seit November 2024 alle Menschen, darunter auch trans-, intergeschlechtliche und nichtbinäre Personen ihren Geschlechtseintrag im Personenstandsregister leicht ändern lassen – und das gilt auch für Kinder. Drittens ist das Verfahren fehleranfällig, wie ein Fall aus dem vergangenen Jahr zeigt, der auch große öffentliche Aufmerksamkeit erzielte. Das Schiller-Gymnasium hatte ein Mädchen mit einem ungewöhnlichen Namen aus Versehen in den Jungen-Lostopf gelegt und ausgelost. Weil dadurch aber 61 Mädchen und 59 Jungen aufgenommen worden wären, kassierte die Schule die Zusage wieder, das Mädchen ging leer aus.  Mehr noch: Alle Jungen, die Lospech hatten, bekamen in der Folge nachträglich doch noch ein Platzangebot, wenn sie Widerspruch gegen ihre Ablehnung eingelegt hatten, weil man nicht ausschließen konnte, dass sie hätte angezogen werden können. Vier Jungen nahmen den Platz dankbar an, das Mädchen musste weichen, und die Schule hatte am Ende einen Jungenüberhang. Abgeschafft hat das Schiller das Aufnahmekriterium in der Folge übrigens trotzdem nicht.

Wie in den Vorjahren liefern wir auch heute exklusiv eine stadtweite Übersicht über alle Aufnahmekriterien. Dabei zeigten sich gegenüber dem Vorjahr ein paar Trends und Verschiebungen, aber auch einige Konstanten:

  • Sämtliche Gymnasien nehmen weiterhin bevorzugt Geschwisterkinder auf. Und alle nutzen am Ende das Losverfahren.
  • Das Muttersprache-Kriterium spielt keine Rolle mehr. Dabei geht es darum, gemessen an der Bevölkerungsstruktur eines Stadtbezirks, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Kindern unterschiedlicher Muttersprache zu erreichen. Einzig das Thusnelda-Gymnasium hatte das im Vorjahr im Kriterienkatalog. Nun ist es auch dort gestrichen.
  • Die Auswahl nach Nähe wird wieder seltener, das Konzept einer Veedelsschule ist also eine Seltenheit. Auf die Länge des Schulwegs heben nur noch drei Schulen ab (Schaurte in Deutz, Leonardo da Vinci in Nippes und Sculstr. In Pesch), im Vorjahr waren es noch fünf gewesen. Und auf die Nähe zur Grundschule setzen nur noch zwei (Lessing in Züdorf und Maximilian Kolbe in Wahn), im Vorjahr waren es drei. Verabschiedet vom Nähe-Kriterium haben sich das Thusnelda-Gymnasium in Deutz und die beiden 2022 gestarteten West-Gymnasien Müngersdorf/Aachener Str. und Zusestr.
  • Am Geschlechter-Kriterium scheiden sich die Geister. Die Hälfte der Gymnasien machts, die andere Hälfte verzichtet. Aachener hat das Kriterium neu eingeführt, APG und HVB haben es abgeschafft.

Hier die komplette Übersicht:

Geschwister, Los: KAS (editiert und korrigiert am 21.3.), KLS, Hansa, Humboldt, Kreuzgasse, APG, HVB, Neue Sandkaul, GBG, AMG, HMG, Porz, HHG, KTS, Rhein-Gymnasium, Genoveva, Herder.

Geschwister, Geschlechter, Los: FWG, Thusnelda, Rodenkirchen, Rondorf, Müngersdorf/Aachener Str., EVT, Schiller, Zusestr., Monte, EKG, DKG, Toni-Steingass-Park, SHG. Die beiden neuen Gymnasien Neustadt-Nord und Brügelmannstr. Setzen ebenfalls auf Geschlechtertrennung. Das Geschwisterkriterium entfällt hier logischerweise.

Geschwister, Geschlechter, Schulweg, Los: Schaurte, Schulstr./Pesch

Geschwister, Schulweg, Los: Leonardo-da-Vinci/Nippes

Geschwister, Geschlechter, Grundschulnähe, Los: MKG/ Wahn

Geschwister, Grundschulnähe, Los: Lessing/ Zündorf

 Bloß (k)ein Härtefall

Ein paar Worte noch zum Thema Härtefälle: Ein Härtefall ist immer eine Einzelfallentscheidung. Dabei hat der Schulleiter/ die Schulleiterin persönlich zu prüfen, ob Umstände vorliegen, die den Besuch einer anderen als der gewünschten Schule unzumutbar erscheinen lassen, weil es damit zu „außergewöhnlichen, das Übliche bei Weitem überschreitende Belastungen“ käme. Man hört es schon, der Ermessensrahmen ist hier eng gesteckt. Typische Härtefälle sind schwere Erkrankungen des Kinder oder eines alleinerziehenden Elternteils oder schwerwiegende Vorfälle wie der Tod eines Elternteils vor kurzer Zeit. Keine Chance auf Anerkennung als Härtefall haben dagegen alleinerziehende, vollberufstätige Elternteile oder Schüler*innen mit Erkrankungen wie ADHS, LRS oder Dyskalkulie.

 Warten wir mal ab, wie es dieses Jahr so läuft. Ich wünsche jedenfalls allen die richtige Entscheidung. Und Glück bei der Verlosung!

PS: Digiwardawas?

Ich will auch noch kurz erwähnen, dass ein digitalisiertes Anmeldeverfahren viele Unzulänglichkeiten beseitigen und den Zeitplan straffen würde. Es ist schon für ein ziemlich starkes Stück, wie die Verwaltung bisher entsprechende Anfragen und Aufträge der Politik mit dem Hinweis abgeblockt hat, das funktioniere nicht, weil es nicht in die gesetzlich vorgeschriebene Wahlentscheidung durch die Schulleitungen passe und/oder die Software des Landes nicht richtig funktioniere. Offen gestanden hätte sich die Verwaltung dieser Millionenstadt längst auf Landesebene massiv für Verbesserungen engagieren können und müssen, wenn sie die Hürden für die Digitalisierung im Land verortet. Darüber habe ich bisher aber leider keine Kenntnis. Im Ergebnis jedenfalls liegt das Thema seit Jahren brach. Die Kinder landen derweil Jahr um Jahr in einer Schulplatzlotterie. Ich finde das beschämend. Aber wir werden damit wohl vorerst weiter leben müssen.

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Jamie Larson
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