Die Abgelehnten (#6): Multiples Organversagen

Mit Vollgas vor die Wand, sehenden Auges in den Untergang, ohne Rücksicht auf Verluste: An einem Tag wie dem eben vergangenen kommen einem viele solcher (und zugegebenermaßen noch ein paar etwas derbere) Redewendungen in den Sinn, wenn es darum geht, das zu kommentieren, was am 15. März des Jahres 2022 bei den Kindern und Eltern Hunderter Kölner Familien nach dem Gang zum Briefkasten los war und ist.

Tags zuvor hatten die 33 städtischen Gymnasien das Ergebnis ihrer Anmeldeverfahren verschickt, darunter mehr Absagen als jemals zuvor. Für viele der Eltern, die in den Tagen zuvor nervös auf die Ergebnisse warteten, bedeutete das: Sie fischten ausschließlich Nieten aus der Post. Damit ist leider der zu erwartende Ausgang des Verfahrens eingetreten: Voraussichtlich hunderte Eltern müssen gemeinsam mit ihren Kindern hoffen und bangen, über ein Nachrückverfahren doch noch irgendwo unterzukommen. Die, die mehr Losglück hatten, können sich einen von gleich mehreren Plätzen aussuchen. Einige werden überlegen, ob sie erst mal abwarten mit der voreiligen Zusage eines mittelguten Platzes, weil sich in den kommenden Tagen vielleicht doch noch eine bessere Alternative auftut. Manche wohnen auch zufällig in der Nähe einer Schule, die zufällig den Schulweg bei der Auswahl berücksichtigt. Und manche dürften schon jetzt chancenlos sein - und sich anderswohin orientieren, um am Ende nicht mit einem Platz dazustehen, der weder in der ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften oder sechsen Auswahl stand.

Das Schuldezernat der Stadt, die Bezirksregierung und selbst die Oberbürgermeisterin konnten, nein mussten wissen, was passieren würde. Sie haben trotzdem darauf beharrt, dieses Verfahren so anzustoßen. Es ist ein multiples Organversagen.

Für die betroffenen Kinder dieser Stadt, die sich mit dem Unicef-Siegel einer "kinderfreundlichen Kommune" schmückt, ist die Lage, pardon my french, zum Kotzen.

Was heute geschah

Es war in den vergangenen Ausgaben dieses Newsletters (hier nachzulesen) ausführlich Thema, wie die Stadt sich die Verteilung der Gymnasialplätze in diesem Jahr vorstellte. daher hier nur noch mal ganz kurz: Die Eltern konnten ihre Kinder an beliebig vielen Schulen anmelden, die dann jede für sich und nach selbst aus dem Gesetzeskatalog ausgewählten Auswahlkriterien ein Aufnahmeverfahren für die SuS abhielten. Meist wurde aus Massen von Bewerbungen gelost, nachdem man zunächst bevorzugt Geschwisterkinder aus der Masse herausgesucht hatte. Um ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis sicherzustellen, bildeten die meisten Schulen außerdem getrennte Lostöpfe für Mädchen und Jungen.

(Die genauen Auswahlkriterien der Schulen gibt die Stadt bis heute nicht zentral bekannt. Exotisch, aber doch erwähnenswert, und auch nicht vollständig, sind daher die folgenden Ausnahmen: Die beiden neu gegründeten Schulen im Kölner Westen wählten in diesem Jahr nach Schulweglänge aus. Genau das tat auch das Thusnelda-Gymnasium in Deutz, das zudem auch auf ein ausgewogenes Verhältnis von Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Muttersprache achtete und daher am Ende nur ganze 4 Plätze verloste. Das Humboldt-Gymnasium wiederum veranstaltet traditionell für alle SuS im Musikzweig (2-5 von 5 Klassen) gesonderte Aufnahmetests.)

Wie viele Bewerbungen und wie viele Plätze es wirklich gibt, das hat die Stadt - erstaunlich genug - bisher nicht bekannt gegeben. Wir kommen darauf zurück. Eine Stichprobe mit einem Schwerpunkt im Kölner Westen, weil dort die Plätze im vergangenen Jahr besonders knapp waren, gibt ein erstes Lagebild:

Name der Schule  Bewerbungen/Plätze

EvT        341/93

FWG       231/120

Humboldt     366/150 (101 Plätze Musik und Geschwister)

HvB        335/120

KAS        343/120  (39 Geschwisterkinder)

Kreuzgasse     255/ 120 (40 Geschwisterkinder)

Schiller      399/120 (38 Geschwisterkinder)

Thusnelda     198/93  (nur 4 Plätze in Verlosung)

Aufsummiert heißt das für diese acht Schulen: Die Schulen hatten im Mittel 309 Bewerbungen auf 117 Plätze. Lässt man die Sonderfälle Thusnelda und Humboldt außen vor und geht davon aus, dass an allen anderen Schulen im Schnitt ein Drittel der Plätze an Geschwisterkinder ging, dann buhlten in sechs anderen Schulen durchschnittlich 277 SuS um 75 Plätze nach Abzug der Geschwisterkind-Vorauswahl.

Das ist nicht ganz so dramatisch wie ich hier im Februar spekuliert hatte, aber immer kommen fast vier Kinder auf jeden Platz. Anders gesagt: Fast drei von vier Kindern ohne rettende Geschwister bekamen heute eine Ablehnung. Selbst wer sein Kind an vier Schulen angemeldet hatte, hatte statistisch gesehen nur eine 72-Prozent-Chance auf eine Zusage. 28 Prozent der Kinder sind also bei dieser Versuchsanordnung im Schnitt leer heute ausgegangen. Das wären fast 1000 Kinder.

Wie viele es wirklich sind - und wie viele umgekehrt zwei, drei oder mehr Zusagen bekamen, das weiß bestenfalls die Stadt. Denn sie hat geplant, in den kommenden zwei Wochen diese mehrfach abgelehnten Kinder nach den vorhandenen Loslisten auf die Plätze zu verteilen, die frei werden, weil andere Eltern Plätze ablehnen. Für die Annahme der angebotenen Plätze haben Eltern bis zum 23. März Zeit. Spätestens dann fallen die Plätze an die Schulen zurück - und können den Nachrückern angeboten werden. Bereits eine Woche später, spätestens am 30.3., will die Stadt online eine Übersicht veröffentlichen mit Schulen, die immer noch freie Kapazitäten haben. So können die Eltern von Kindern, die dann noch immer ohne einen Platz sind, in einer zweiten Bewerbungsrunde erneute beliebig viele Anträge bei diesen Schulen stellen. Es folgt also ein zweiter Akt der Massenverlosung.

Die Stadt findet ihr Verfahren ganz okay - am Ende dieses Werbevideos lachen jedenfalls alle. https://www.youtube.com/watch?v=iT_q8wJc2Tk

Was wird jetzt passieren?

Gute Frage. Die Stadt bettelt bittet aktuell alle Eltern, die eine oder mehrere Zusagen haben, diese schnell anzunehmen oder abzulehnen, damit die Sache weitergeht. Denn immer wenn an einer Schule ein Platz frei wird, sollen die Schulen ihrerseits das nächste Kind auf der Losliste informieren und den Nachrückplatz anbieten. Dann ist wieder Annahmephase, dann wieder Nachrücken, und wieder und wieder und wieder. So weit, so aufwändig und fehleranfällig. Es kommen aber noch ein paar Schwierigkeiten oben drauf:

  • Es ist wahrscheinlich, dass viele Eltern bis kurz vor dem Stichtag am 23.3. mit ihrer Entscheidung warten. Etwa dann, wenn sie zwar einen Platz angeboten gekommen haben, der aber nicht gerade von der Wunschschule kam. Lockt dann nämlich parallel dazu ein günstiger Nachrücker-Rang beim eigentlichen favorisierten Gymnasium, dann ist so ein Abwarten überaus verständlich.
  • Es ist möglich, dass in den kommenden Wochen Kinder andere Schulplätze bekommen; etwa bei konfessionellen Schulen, bei Privatschulen oder in Nachbarkommunen. Das erschwert die Planung noch weiter.
  • Der Zeitplan für das gesamte Clearing ist extrem eng - und von den Sekretariaten der Schulen in Corona-Zeiten kaum zu stemmen.

Noch entscheidender ist aber noch ein anderer Faktor: Es fehlen aktuell bis zu 450 Plätze, wir Alexandra Ringendahl vom Kölner Stadt-Anzeiger bereits vor einigen Tagen berichtete:

Köln: 450 Plätze an Gymnasien zu wenig | Kölner Stadt-Anzeiger

Köln: 450 Plätze an Gymnasien zu wenig | Kölner Stadt-Anzeiger

An beliebten Kölner Gymnasien wurden nach Recherchen des Kölner Stadt-Anzeigers teilweise drei Mal so viel Kinder angemeldet als Plätze da sind.

Das bedeutet: Die Stadt muss, wenn sich diese Zahl erhärtet, in diesem Jahr an den 33 Gymnasien insgesamt 15 Mehrklassen einrichten. Zur Einordnung: Im vergangenen Jahr waren 9 Mehrklassen nötig - und dabei gibt es in diesem Jahr stadtweit sogar sechs zusätzliche Eingangsklassen an zwei neuen Schulen. Das Problem der Schulplatzknappheit hat sich also noch mal verdoppelt, wohl auch, weil in der Stadt fast 1000 Gesamtschulplätze fehlen - und dieses Kinder nun in einer anderen Schulform beschult werden müssen.

Bisher ist nicht bekannt, wie viele und wo diese Mehrklassen entstehen. Bevor das klar ist, kann niemand den Eltern ernsthaft raten, Losplätze anzunehmen, wenn in Schulen, die die Kinder viel lieber besuchen würden, womöglich in eine paar Tagen noch eine komplette Zusatzklasse geschaffen wird. Die Stadt bremst sich hier also selbst aus. Wie zu hören ist, hat man es bei der Verteilkonferenz am vergangenen Dienstag nicht geschafft, genug SchulleiterInnen zu finden, die Klassen einrichten würden. Und die Bezirksregierung muss danach ja auch noch zustimmen... Ein Artikel im Stadt-Anzeiger von heute fasst diese Gemengelage noch mal zusammen:

Schulplätze an Kölner Gymnasien: „Wir Eltern sind traurig, wütend und verzweifelt“ | Kölner Stadt-Anzeiger

Schulplätze an Kölner Gymnasien: „Wir Eltern sind traurig, wütend und verzweifelt“ | Kölner Stadt-Anzeiger

Am Dienstag kamen die Absage-Briefe: Viele Kölner Familien gingen trotz Mehrfachanmeldungen in der ersten Runde leer aus.

Wie finden das eigentlich die Beteiligten?

als wäre die Lage nicht schon schlimm genug, geben sich die Beteiligten auch noch alle Mühe dabei, in der Kommunikation Töne anzustimmen, die die Eltern noch mehr frustrieren müssen. Oberbürgermeisterin Henriette Reker gab im Kölner Stadt-Anzeiger Mitte Februar zu Protokoll:

Auch ich halte das Losverfahren für verhältnismäßig hilflos. Aber ich kenne kein Verfahren, das gerechter wäre.

Zum diesjährigen Verfahren mit den Mehrfachanmeldungen fiel ihr ein:

Es ist eben die gesetzliche Regelung. Wir können gar nicht anders handeln.

Was sie nicht sagte (Auswahl):

  • Dass die Stadt ein Chaos mit Ansage produziert, das schon angesichts des völlig unrealistischen Zeitplans nicht funktionieren wird.
  • Dass man weiterhin keine Transparenz geschaffen hat über die tatsächlich verfügbaren Schulplätze an den einzelnen Gymnasien, die Zahl der dort zu erwartenden Geschwisterkinder und den Mehrklassenbedarf.
  • Dass die Stadt trotz des eklatanten Schulplatzmangels so tut, als hätten Eltern eine echte Schulwahl - und damit die komplette Verantwortung abwälzt auf Kinder, Eltern und Schulen.
  • Dass es keine Koordinierung der Schulplatzvergabe gibt, obwohl das Gesetz diese vorsieht.
  • Dass die Stadt mit den Schulen nicht mal eine Verständigung auf Auswahlverfahren hinbekommt, geschweige denn diese Verfahren transparent an die Eltern kommuniziert.
  • Dass die Stadt so tut, als sei das alles alternativlos, obwohl sie auch Schuleinzugsbezirke begründen könnte, um das Verlosen zu verhindern.
  • Dass die Stadt bis heute nicht - jedenfalls nicht sonderlich laut - im Landtag aktiv geworden ist, um darauf zu drängen, dass man das Schulgesetz, das sie (berechtigterweise) für falsch hält, ändert.
  • Dass die Stadt seit Jahren den Schulbau vernachlässigt und damit das Problem maßgeblich selbst zu verantworten hat.
Köln: Henriette Reker, warum geht es in den Schulen nicht voran? | Kölner Stadt-Anzeiger

Köln: Henriette Reker, warum geht es in den Schulen nicht voran? | Kölner Stadt-Anzeiger

In unserer Interview-Serie besucht die Oberbürgermeisterin Henriette-Reker Schauplätze Kölns. Heute: das Gymnasium Kreuzgasse.

Die SchulleiterInnnen finden das alles auch mehr so geht so. Georg Scheferhoff vom Schiller-Gymnasium klingt dabei recht hilflos:

"Wir müssen jetzt das Anmeldeverfahren führen – aber ich hab keine Ahnung, wie wir die Lage entlasten können außer durch eine Gesetzesänderung und bessere Rahmenbedingungen."
Interview mit Kölner Schulleiter: „Durch fehlende Plätze entsteht ein hoher Druck“ | Kölnische Rundschau

Interview mit Kölner Schulleiter: „Durch fehlende Plätze entsteht ein hoher Druck“ | Kölnische Rundschau

Das Anmeldeverfahren hat begonnen. Über Belastungen für Schulen und Familien spricht Martina Windrath mit Georg Scheferhoff, einer der beiden Sprecher der Kölner Direktorenkonferenz für die Gymnasien und Leiter des Schiller-Gymnasiums.

Sein Kollege Lüder Ruschmeyer vom Gymnasium Kreuzgasse lud dieses Jahr wie schon im Jahr zuvor zur öffentlichen Verlosung ein. man kann das als Protest lesen. Er diktierte dem Kölner Stadt-Anzeiger knapp:

"Unsägliches Verfahren"

Die Stadtverwaltung wiederum ist mit einem Satz aus der schriftlichen Antwort an den Schulausschuss im Kölner Rat zu zitieren, der hier im Newsletter schon in Gänze dokumentiert wurde - und der der Bände spricht über das Verständnis von der Güte der eigenen Entscheidungen:

Durch die Mehrfachanmeldungen ist davon auszugehen, dass alle Kinder versorgt werden und niemand sich abgelehnt fühlt.

Dieser Satz hat sich spätestens mit dem heutigen Tag als grandiose Fehleinschätzung erwiesen. Um es höflich auszudrücken.

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Jamie Larson
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